Etwas über Wandelweiser –
Vorbemerkung zu den
Programmnotizen zum
2. Wandelweiserfestival
2002 in Berlin
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Oberflächlich betrachtet mögen sich viele Stücke der
Wandelweiser-Komponisten ähneln - sie sind häufig sehr leise, die Stille hat
einen großen Anteil an der Dauer der meisten Stücke, es gibt keine
Dramaturgie und keine Entwicklung, kaum Kontraste. Die Auswahl des
Klangmaterials ist immer sehr klar und eindeutig und meist wird mit Material
sparsam umgegangen. Viele Phänomene, die im traditionellen Sinne Musik
ausmachen, spielen in der Wandelweiser-Musik nur eine untergeordnete oder
überhaupt keine Rolle: Harmonie, Rhythmus und Melodie. |
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John Cage hat in den Jahren nach 1938 eine
Kompositionsmethode der Zeitstrukturen entwickelt, die er bis zu seinem
Lebensende weiterverfolgte. |
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Cage war damals Lehrer an der Cornish School und leitete
ein Percussion-Ensemble. Er komponierte viele Stücke für dieses Ensemble,
einige Jahre lang schrieb er beinahe ausschließlich Percussion-Musik. Das
Komponieren in rhythmischen Strukturen ergab sich aus der Natur der
Percussionklänge, mit denen er arbeitete. Viele dieser Klänge haben keine
klare Tonhöhe: es ist folglich nicht möglich musikalische Struktur auf Grund
von tonhöhenabhängigen Parametern wie Harmonie oder Melodie zu entwickeln. |
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Cage stellte außerdem fest, dass Percussionklängen eine
Autonomie der Dauer zu eigen ist. Keine menschliche Kraft kann den Sound, zum
Beispiel eines Woodblocks, länger dauern lassen, als er von Natur aus dauert.
Diese dem Percussionklang immanente Dauer schien Cage das entscheidende
Merkmal dieser Instrumente zu sein. Daraus entwickelte sich der Gedanke, dass
die Dauer die Basis für die Struktur seiner Percussionmusik sein sollte. In
den folgenden Jahren hat Cage dieses Denken auf alle seine Kompositionen
übertragen, und es auch beibehalten, als er keine Stücke für
Percussion–Ensemble mehr schrieb. |
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Cage vertritt in seinem Vortrag „Defense of Satie“ von
1948 (und an anderer Stelle) die Meinung, dass Struktur, die auf Dauern beruht, die einzig mögliche und
richtige Struktur für Musik sein könne. Dauer ist der einzige Aspekt, den
Klang und Stille gemeinsam haben. „Es kann kein richtiges Machen von Musik
geben, das sich nicht aus den
wirklichen Wurzeln von Klang und Stille strukturiert –
aus den Längen der Zeit“. |
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Dieses Komponieren mit Dauern, das Entwickeln und
Entstehen-Lassen von musikalischer Struktur durch Dauern scheint mir ein
verbindendes Merkmal der Wandelweiser Komponisten zu sein. |
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Ein Zitat von John Cage aus „A Composer´s
Confessions“ von 1939 scheint mir etwas
auszusagen, das ich in vielen Stücken von Wandelweiser finde: |
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Meine ästhetische Haltung hat nichts
mit dem Verlangen nach Selbst-Ausdruck zu tun, sondern ganz einfach mit der
Organisation von Material. Ich bemerkte, dass es unvermeidlicherweise zwei
Arten von Ausdruck gab: denjenigen der aus der Persönlichkeit des Komponisten
entsteht und denjenigen der aus der
Natur und dem Zusammenhang des
Materials entsteht. Ich empfand den Ausdruck als stärker und feiner, wenn ich mich nicht darum bemühte, Ausdruck
bewusst zu erzeugen, sondern ihm ermöglichte auf natürliche Weise zu
entstehen. |
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Seit den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts ist in der
neuen Musik viel über das Thema Determination/Unbestimmtheit,
willensgesteuertes Tonsetzen/Einsatz von Zufallsoperationen für
kompositorische Entscheidungen diskutiert worden. |
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Bei den Vorbereitungen für dieses Festival fiel mir auf,
dass die vorliegenden Kompositionen auf ausgesprochen unterschiedliche Weise
den Zufall einbeziehen und ihr Determinationsgrad differiert. Manche Stücke
sind vollkommen ausnotiert und beschreiben sehr genau klangliche Abläufe,
andere beschreiben auszuführende Aktionen, aus denen sich immer wieder andere
Klänge ergeben. Da sich dieser Aspekt im Gegensatz zu den meisten anderen
Aspekten dieser Musikstücke nicht sinnlich und direkt erschließen lässt, habe
ich den Text darauf fokussiert. |
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Bei oberflächlicher Betrachtung könnte jemand zu der
Ansicht gelangen, dass sich viele Stücke der Wandelweiser Komponisten ähneln.
Doch wenn man bereit ist sich ihnen anzunähern, das Fremdartige,
grundsätzlich Andersartige zu akzeptieren, stellt man fest, dass die
Unterschiede zwischen den Stücken groß sind, dass zwischen den verschiedenen
Positionen Welten liegen. |
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(Burkhard Schlothauer) |
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