John
Cage - Komponist
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(Vortragsperformance
gehalten im Podewil, Berlin am 5.9.2002 anläßlich des 90en Geburtstages von John Cage) |
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Quelle meines
Vortrags ist im wesentlichen das Buch von James Pritchett – „The Music of John
Cage“. |
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Ausgangsthese: John Cage war Komponist. Er war vor
allem anderen Komponist, obwohl er auch malte
und dichtete und obwohl er sich zur Kunst, zur Musik und zu
gesellschaftlichen Fragen sowohl in vielen Interviews als auch schreibend
geäußert hat. Dass sich in der Rezeption von Cage der Begriff
Künstlerphilosoph etablieren konnte, liegt daran, dass die Musikkritiker
seiner Zeit nicht damit zurechtkamen, dass er für künstlerische
Detailentscheidungen Zufallsoperationen heranzog. Wenn der Komponist den
Prozess des Komponierens verobjektiviere – so die Argumentation damals -und
einen Teil der Entscheidungen aus der Hand gäbe, wie Cage dies in seinem Werk
seit 1959 getan hatte, habe er damit auch die Berechtigung verloren, sich als
Komponist bezeichnen zu können. Die Berufsbezeichnung Komponist sei ihm nicht
mehr zu zugestehen. Fundierte Kenntnisse über Musik waren Cage aber dennoch
nicht abzusprechen. So erfand die Presse den Begriff des Musikerphilosophen.
Diese Missdeutung hat - unter anderen - dazu geführt, dass Cages Werk bis
heute von vielen Musikern und Kritikern nicht in dem Maße rezipiert
und vor allem angehört wird, wie es es verdient
hätte. |
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Mit 18 Jahren -1930 - verließ John Cage das College und
reiste nach Europa, um sich künstlerisch zu orientieren. Er hatte in seiner
Schulzeit privaten Klavierunterricht gehabt und sich vor allem für die Musik
von Edward Grieg begeistert. In Europa kam er in Kontakt mit moderner Kunst
und Musik. Er war unentschieden, was er werden wollte: Komponist, Maler,
Tänzer, oder Schriftsteller. |
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Über seine ersten Kompositionsversuche schreibt er
selbst: |
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ich kann mich nicht gut an meine
ersten Kompositionsversuche erinnern. Ich weiß nur noch, dass sie keine sinnliche Wirkung hatten und
keine Ausdruckskraft. |
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Diese Äußerung von Cage belegt, wie viele andere seiner
Aussagen, dass sinnliche Wirkung und Ausdruckskraft ihm wichtig waren. |
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Zurück in den USA kam er über den Pianisten Richard Buhlig mit dem Werk Schönbergs in näheren Kontakt. Buhlig war einer der wenigen Pianisten in Amerika, die
damals das Werk Schönbergs spielen konnten. Als Cage mit Buhlig
in Kontakt kam, gab er malen und schreiben auf und widmete sich immer stärker
der Musik. Cage zeigte Buhlig seine Kompositionen.
Diese waren kontrapunktisch entwickelt und an Schönberg orientiert. In den
vereinigten Staaten der dreißiger Jahre fühlten viele Komponisten, Cage
eingeschlossen, dass sie sich zwischen dem Neoklassizismus Igor Strawinskys
oder Schönbergs Zwölftonstil zu entscheiden hatten. Die Sonate für Klarinette
von 1933 ist ein typisches frühes Beispiel für diese Kompositionsweise: der
Stil ist chromatisch, rhythmisch komplex und unmetrisch. Cage benutzt kurze
Motive die er wiederholt und variiert. Ich habe das Werk beim Hören als sehr
frisch und authentisch erlebt. Es hat eine sehr individuelle Qualität. |
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Buhlig hingegen kritisierte die
Formlosigkeit von Cages frühen Werken und unter diesem Einfluss führte Cage
verschiedene organisatorische Methoden in seiner Musik ein, um seine Klänge
einem übergeordneten Plan unterordnen zu können. Die Organisation der
Tonhöhen wirkt seriell, mit Sicherheit aber liegen den Kompositionen keine im
traditionellen Sinne seriellen Pläne zu Grunde. |
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Cage selbst sagte über die Werke dieser Zeit: was ich schrieb, klang zwar
organisiert, aber es war nicht angenehm zuzuhören. |
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1933, nach drei Jahren Zusammenarbeit, war Buhlig nicht länger in der Lage, Cage bei seinen
Kompositionen zu helfen. Er empfahl ihn an Henry Cowell,
der zu dieser Zeit in San Francisco arbeitete. Henry Cowell
war m. W. der erste Komponist, der Klänge inside des Pianos erzeugte und dies in Kompositionen konsequent
einsetzte. Cage sandte Cowell einige Partituren,
woraufhin die oben erwähnte Sonata for Clarinet von 1933 in Cowells Neue Musik Workshop aufgeführt werden sollte.
Dabei passierte Cage dasselbe, was vielen jungen Komponisten passiert: Am
Konzerttag stellte sich heraus, dass der Klarinettist das Stück nicht geübt
hatte und es nicht spielen konnte. Cage führte es daraufhin selbst am Piano
aus. Trotz dieses Aufführungsproblems fand Cowell
Interesse an Cages Werk und empfahl ihm nach New York zu gehen und dort bei
Adolf Weiss, einem Studenten von Arnold Schönberg
zu studieren. Die Idee war, dass Cage zu guter letzt so weit sein sollte, bei
Schönberg selbst studieren zu können. Cowells
Anerkennung und Unterstützung erleichterte es Cage, sich eine Zukunft als
professioneller Komponist vorstellen zu können. |
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Von 1934 bis 1937 war Cage von seinen
Kompositionsstudien voll beansprucht. 1935 kehrte er nach Kalifornien zurück,
um dort bei Arnold Schönberg zu studieren. Seine Studien dauerten zwei Jahre
und bestanden aus Kompositionsunterricht in Kleingruppen bei Arnold Schönberg
zu Hause und aus Kontrapunktklassen, die Schönberg in der University of
Southern California und an der UCLA abhielt. Man
kann Cage nicht wirklich als Schüler Schönbergs bezeichnen, denn er hat nur
für eine relativ kurze Zeit bei ihm studiert und nach 1938 kein Werk
geschrieben, das auch nur entfernt an eins von Schönbergs Werken erinnert.
Schönberg war für Cage eher ein Rollenvorbild, seine Hingabe an die Musik
steckte Cage an. Cage verehrte Schönberg und fürchtete ihn gleichzeitig. |
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Cage hat bei Schönbergs 12-Tontechnik nie Anleihen
genommen. Er hat seine eigene Methode entwickelt, Reihen zu verwenden. Er
brach die Reihe in kleine Motive oder Zellen, jede Einzelne mit einem
besonderen rhythmische Profil, wiederholte und
verwandelte diese Zellen, wobei er ein paar einfache, selbstgewählte Regeln
befolgte. Er verwendet wechselnde Metren, verschiedene rhythmische Teilungen,
seine Klänge sind dissonant. Cages musikalisches Denken war außerordentlich
stark rhythmisch geprägt. |
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1938, im Alter von 26 Jahren, wurde Cage als Komponist, Percussionlehrer und Klavierbegleiter für die
Tanzabteilung an der Cornish School in Seattle
angestellt. |
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Percussionensembles |
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Ich glaube, schrieb John Cage in einem Credo
genannten Vortrag, den er 1937 oder 1938 in Seattle gehalten hat, dass der
Gebrauch von Geräuschen in der Musik
sich fortsetzen und steigern wird, bis wir eine Musik erreichen, die mit
Hilfe von elektronischen Instrumenten alle hörbaren Klänge für eine
musikalische Verwendung verfügbar machen wird.... Wenn in der Vergangenheit
Konsonanz und Dissonanz im Zentrum des Diskurses standen, so werden in naher
Zukunft diese Auseinandersetzungen zwischen Geräuschen und so genannten
musikalischen Klängen stattfinden. |
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Eine gewissermaßen prophetische Aussage, die sich
weitgehend bewahrheitet hat |
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Demselben Vortrag entstammt auch ein anderes Zitat: wenn
dieses Wort "Musik" so heilig ist, dann können wir es vielleicht
durch einen bedeutungsvolleren Term ersetzen: Organisation von Klang. |
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In Cages damaliger Vorstellungswelt war ein Komponist
vor allem Erfinder neuer Klänge und neuer Instrumente und für diese neuen
Klänge und Instrumente hatte er notwendigerweise neue Formen und Methoden der
Komposition zu entwickeln. Cage interessierte sich vordringlich für Percussionmusik - die Musik der Geräusche - und sah die
Komposition von Percussionstücken als seine
vordringliche Aufgabe als Komponist. Mit Percussionmusik
hatte er seine ersten Erfolge als Komponist. |
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Er hatte 1938 an der Cornish
School ein Percussionensemble gegründet. Sein Werk
erreichte langsam ein immer größeres Auditorium und Cage weitete seine
Aktivitäten aus. Cage versuchte ein Center für experimentelle Musik
einzurichten. Er nahm Kontakt mit den Metro Goldwyn
Mayer Studios auf, und versuchte sie dafür zu begeistern, experimentelle
Komponisten bei sich arbeiten zu lassen. 1942 zog er nach New York, wo er im
selben Jahr sein Einstandskonzert gab. Die Presse berichtete darüber. Seitdem
war Cage für die New Yorker Presse eine feste Größe. 1947 schrieb der New
York Herald Tribune, dass das Feld der Percussionmusik
komplett von John Cage besetzt sei. Wie kam Cage dazu Percussionmusik
zu komponieren? Wie kam er von dissonantem Kontrapunkt 1938 zu neuen Sounds
in 1939? Eine Geschichte berichtet von einer Begegnung mit Oskar Fischinger, einem abstrakten Filmemacher. |
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Oskar Fischinger
erzählte mir von dem Geist, der dem Material inhärent ist, und er behauptete,
dass ein Klang, der auf Holz erzeugt wird, einen ganz anderen Charakter
hat als einer, der auf Glas erzeugt
wird. Am nächsten Tag fing ich an Percussionmusik
zu schreiben. |
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Die Idee der Nur-Percussionmusik,
des reinen Percussionorchesters ist keine originäre
Idee von Cage, sie entsprach dem Zeitgeist und ist auch bei anderen
Komponisten, wie Varese und Cowell
zu finden. Außerdem entsprach sie den Anforderungen seines neuen Jobs als Percussionlehrer und Begleiter des Tanzdepartments. |
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Zu Beginn seiner Kompositionstätigkeit nutzte Cage auch
für die Konstruktion seiner Percussionstücke Serien
von rhythmischen Zellen. In den Jahren nach 1938 entwickelte Cage dann seine
Kompositionsmethode der Zeitstrukturen, die er bis zu seinem Lebensende
weiterverfolgte. Cage hatte am College Musik für die Tanzbegleitung zu
komponieren. Diese Stücke schrieb er zumeist erst dann, wenn die Choreografie
fertig war. Der moderne Tanz der 30er Jahre scheint unter dem Einfluss des
Ballet Russe und Igor Strawinskys Rhythmik gestanden zu haben. Auf jeden Fall
hatte Cage oft Percussionstücke mit wechselnden
Metren nach den rhythmischen Bedürfnissen der Tänzer zu liefern. Die
kompositorische Struktur war ihm komplett von der Choreografie vorgegeben -
eine Situation die er zunehmend inakzeptabel fand. |
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Die durch die Choreografie
vorgegebenen Zahlen waren fast immer - von einem musikalischen Standpunkt aus
betrachtet - vollkommen unbefriedigend
in ihrer Organisation.... Ich glaube diese Unordnung führte mich zur
Einführung vom strukturellen Rhythmus. |
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Ein zweiter Anstoß für die Organisation von Musik in
rhythmischen Strukturen ergab sich aus |
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der Natur der Percussionklänge,
mit denen er arbeitete. Viele dieser Klänge haben keine klare Tonhöhe: es ist
folglich nicht möglich musikalische Struktur auf Grund von tonhöhenabhängigen
Parametern wie Harmonie oder Melodie zu entwickeln. Cage stellte fest, dass Percussionklängen eine Autonomie der Dauer zu eigen ist. Keine menschliche Kraft kann den Sounds zum
Beispiel eines Woodblocks länger dauern lassen, als er von Natur aus dauert.
Diese immanente Dauer des Percussionklangs schien
Cage das entscheidende Merkmal dieser Instrumente zu sein. Insofern erschien
es ihm logisch, dass die Dauer die Basis für die Struktur seiner Percussionmusik sein sollte. Diese Meinung vertrat er in
den folgenden Jahren sehr entschieden. Er hielt etwa 20 Jahre an dieser Idee
fest und erforschte ihre Möglichkeiten. |
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Für mich ist die Entdeckung sehr entscheidend, dass dem
von einem Instrumentalisten erzeugten Klang eine gewisse natürliche Dauer in
einer bestimmten Bandbreite immanent ist und dass diese immanente Dauer, also
gewissermaßen die physikalische Natur, die Beschaffenheit des Klanges auf die
Struktur des Stückes einwirkt. |
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Meine ästhetische Haltung hat nichts
mit dem Verlangen nach Selbst-Ausdruck zu tun, sondern ganz einfach mit der
Organisation von Material. Ich bemerkte, dass es unvermeidlicherweise zwei Arten
von Ausdruck gab: denjenigen der aus der Persönlichkeit des Komponisten
rührte und denjenigen der aus der Natur und aus dem Zusammenhang des
Materials entstand. Ich empfand den Ausdruck als stärker und feiner, wenn ich mich nicht darum bemühte Ausdruck
bewusst erzeugen, sondern ihm ermöglichte auf
natürliche Weise zu entstehen. |
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In Cages Percussionsstücken
den Constructions von 1940 versuchte er eine
strukturelle Ordnung der Komposition
durch zu Grunde gelegte Zahlen herzustellen. First Construction (in Metal)
von 1940: 6 Spieler, jeder Spieler hat 16 Klänge, der erste Spieler hat ein
Instrumentarium von 16 Glocken, 8 Ambossen, vier chinesische Becken, usw. Im
Stück werden 16 rhythmischen Zellen oder Motive verwendet, die in vier
Kreisen von jeweils vier Motiven geordnet sind. Solcherlei Zusammenhänge
finden sich in vielen Stücken, die Cage damals geschrieben hat. |
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Das präparierte Klavier |
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Cage hat zehn Jahre lang hauptsächlich Percussionmusik komponiert. Percussionstücke
erzeugen spezielle Logistikprobleme: es sind viele Instrumente zu
transportieren und man benötigt verhältnismäßig viel Platz auf der Bühne. Als
einmal für eine Tanzproduktion nur eine sehr kleine Bühne zur Verfügung
stand, versuchte Cage perkussive Klänge inside des Pianos, nach dem
Vorbild von Henry Cowell zu erzeugen. Er
experimentierte und kam darauf, dass sich Gegenstände auf und zwischen den
Seiten anbringen ließen, die es ermöglichten das Klavier wie ein Percussionorchester klingen zu lassen. Die Präparierung
eines Klaviers ist nicht unkompliziert: schwere Objekten addieren Masse zur
schwingenden Seite und machen diese tiefer. Objekte die zwischen die Saiten
gesteckt werden, dehnen die Seite und machen sie dadurch höher. Ein weiteres
Problem ist, dass die Tonhöhen des mittleren und hohen Registers auf dem
Klavier durch drei Saiten dargestellt werden. Ein Gegenstand der zwischen
zwei Seiten geklemmt wird, führt dazu, dass zwei Seiten präpariert sind die
dritte unpräpariert verbleibt und in der Folge Schwebungen entstehen. An
Schwingungsknoten der Saiten ergeben sich Flageoletttöne.
Die entstehenden Klänge sind komplex, nicht harmonisch, mikrotonal und
klingen percussionähnlich. |
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Cage entwickelte das präparierte Klavier 1940 und
schrieb von 1942-1948 eine große Anzahl Stücke dafür. Das präparierte Klavier
übernahm in seinem Werk die Rolle des Percussionensembles.
Allerdings veränderte sich mit dem präparierte
Klavier der Ausdruck seiner Musik. In den Percussionstücken
hatte Cage nach großen Effekten gesucht, in allen Constructions
gibt es irgendwo einen donnernden Moment. |
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In den Werken für präpariertes Klavier führt die
Verwendung eines Soloinstruments zur Betonung des linearen, melodischen, das
entweder allein erklingt oder mit einer einfachen Begleitung. Die Rhythmen
werden einfacher und flüssiger. Während die Percussionstücke
eine große Palette von dramatischen Effekten verwendeten, strebt die Musik
für präpariertes Klavier nach Intimität und persönlichem Ausdruck. Der
Artikel von 1944 Grace and Clarity, was so viel wie
Anmut und Klarheit bedeutet ist eine Stellungnahme für Cages neue lyrische
Ästhetik. |
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Cage war ehrgeizig: er wollte immer noch ein Center für
neue Musik gründen und er schrieb riesige Partituren für Radio Soundeffekte
die so komplex waren, dass fast unmöglich war sie zu realisieren. |
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Die mittleren 40er Jahre waren für Cage eine schwierige
Zeit. In manchen Kreisen waren seine Werke wohlbekannt, aber die Mehrheit der
Musiker und Konzertbesucher in New York nahm ihn nicht zur Kenntnis. Wenn sie
nicht offen feindlich waren, dann behandelten sie die ganze Sache als eine
Art von Witz. Cage vermittelt im folgenden Zitat welche größeren Zweifel
diese Probleme im ihm erzeugten: |
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Ich hatte eine große Menge von
Gefühlen in das Stück gegossen und offensichtlich konnte ich all das nicht
kommunizieren. Oder andersherum: wenn ich kommunizierte, dann musste
es so sein dass alle anderen Künstler eine vollkommen andere Sprache
sprachen. Die ganze musikalische Situation kam mir mehr und mehr vor, wie das
babylonische Sprachgewirr am Turm zu Babel. |
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Zu diesem Zeitpunkt begann Cage, deprimiert und
desillusioniert, unter Anleitung einer indischen Musikerin mit dem Studium
der indischen Philosophie. Gita Sarabhai , nach Amerika gekommen um westliche Musik zu studieren,
kam zu Cage um Stunden in Kontrapunkt und zeitgenössischer Musik zu nehmen. Sarabhai gab ihm das Buch
„The Gospel of Sri Ramakrishna“,
ein Buch das in Cages Worten den Platz der die Psychoanalyse einnahm. Ramakrishnas Botschaft vom nichtgebundenen Leben in der
Welt wurde eine Art von Therapie für Cage und in der Folgezeit drang er
tiefer in östliches Denken ein. Aldous Huxleys Werk
„The perennial Philosophy“ führte Cage in die Literatur des Zen
Buddhismus ein und brachte ihm Meister Eckart, Chuang
Tze, Huang Po und Lao Tse näher. Während diese
Bücher Cages Denken für ein spirituelles Herangehen an die Welt öffneten,
hatte das Buch von Ananda K. Coomararswamy
- The Transformation of Nature in Art und the Dance of Shiva - den grössten Einfluss auf sein musikalisches Denken. Von
grundlegender Wichtigkeit schien ihm die Idee von der Verbindung von Kunst
und Spiritualität. Coomararswamy präsentiert Kunst
als Kontemplation des Absoluten , als eine Art von
Yoga. In „Transformation of Nature in Art“ schreibt Coomararswamy:
Kunst ist Religion, Religion Kunst, nicht verbunden, aber das gleiche.
Diese Sicht der Kunst als eine spirituelle Disziplin findet ihre Entsprechung
in Cages neuer Formulierung des Zweckes von Musik: To sober
and quiet the mind thus rendering
it susceptible to divine influences (den Geist
ernüchtern und beruhigen und ihn
dadurch empfänglich für göttliche Einflüsse machen.) |
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Zitat Cage: jeder von uns muss jetzt auf sich selbst
achten. Das was uns früher zusammenhielt und unseren Eroberungen Sinn gab,
war unser Glaube an Gott. Als wir diesem Glauben erst auf Helden und dann auf
Dinge übertrugen, begannen wir unsere eigenen Wege zugehen. Diese Insel, auf
der wir vor der Einwirkung der Welt zu entkommen versuchen, liegt, so wie's
immer war, mitten in uns, in unseren Herzen. |
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1946 komponierte John Cage die Sonatas
and Interludes, eine Folge von 20 Miniaturen. Die
Kleinteiligkeit ergab sich aus seinem Kontakt mit dem Werk des amerikanischen
Dichters Edwin Denby. Der Inhalt allerdings wurde
von Coomaraswamy indischer Ästhetik angeregt. Cage
versuchte in diesen Stücken die „8 ständigen Gefühle und ihre gemeinsame
Tendenz zur Ruhe (tranquility)“ auszudrücken. Er
hat nicht festgehalten, welches Gefühl er welchem Teil des Stückes zugeordnet
hat. Die acht ständigen Emotionen sind folgende: das erotische, das
heroische, das ekelhafte, die Wut, die Heiterkeit, die Angst, die Sorge, das
Erstaunen. |
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Unter dem Einfluss dieser Philosophie formulierte Cage,
dass Kunst die Natur in der Art ihrer Wirksamkeit, ihrer Art des Arbeitens
imitieren solle. |
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Burkhard Schlothauer 2002 |
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