ab tasten / three pianos drumming (booklet Text zur CD EWR 0105)
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Zu
Beginn meiner kompositorischen Arbeit war ich konventionell erzeugten
Klavierklängen gegenüber mißtrauisch. Das Klavier war für mich der Inbegriff
der diatonisch / chromatischen Tradition und ich interessierte mich mehr
dafür, den Tonraum unsystematisch und systematisch mikrotonal zu erweitern -
bis zur theoretisch unendlichen Menge von Tonhöhen. |
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Außerdem
gibt es für den "tastendrückenden" Klavierspieler nach erfolgtem
Anschlag nur eine Möglichkeit, den erzeugten Klang gezielt zu verändern -
durch Einsetzen der Dämpfung. Dieser "Mangel" an
Einflußmöglichkeiten auf den Klang und die oben genannte
"Tonhöhenfixierung", hatte mich in meinen früheren Stücken dazu
veranlaßt, das Klavier nicht als Tasteninstrument zu benutzen - es wurde in
den "ab tasten" vorausgehenden Duo-Stücken (mit
Blasinstrumenten bzw. Schlagzeug) direkt auf den Saiten bearbeitet ,
gestrichen und gezupft, der Anschlag der "Tasten-Hammer-Mechanik" auf
die "naturale" Saite bildete die Ausnahme. Die Dämpfung war bei
diesen Stücken das ganze Stück über von den Saiten abgehoben, im Klavier
"resonierte" das gesamte musikalische Geschehen. Insofern war es
für mich neu, den Vorgang des Dämpfens, der Energieentzug und Transformation
des Tones gleichermaßen beinhaltet, in meine kompositorischen Überlegungen
mit einzubeziehen. Durch meine Arbeit mit dem ungedämpften Klavier war mir
bewußt geworden, dass das Klavier als ein hochentwickeltes Produkt des
Instrumentenbaus eine besondere Eigenschaft hat: |
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Es
kann die zugeführte minimale Energie (der Finger schlägt über eine hoch
sensible Mechanik einen befilzten Holzhammer auf die Saite) sehr effizient
verwerten, verstärken und erhalten. Die Ausschwingzeit, vor allem der tiefen
Saiten ist sehr lang - keinem anderen unverstärkten Saiteninstrument
vergleichbar. |
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Aufgrund
der Faszination, die das ungedämpfte Ausklingen des Klavierklangs auf mich
ausübte, machte ich das Ausschwingen der Saiten zum "Gegenstand"
von "ab tasten". In jedem Klang dieses Stückes klingt
mindestens eine Saite ungedämpft aus. |
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In
den Stücken vor "ab tasten" hatte ich versucht, die Zeitabläufe des
Stückes exakt zu determinieren und hierfür die Verwendung einer Stoppuhr
vorgeschrieben. Doch dieses Konzept überzeugte mich weder in seinen
Ergebnissen, noch schätzte ich selbst als Ausführender das zu Hilfe nehmen
der Uhr. Mir schien Zeit nicht in ihrer "messbaren" Ausdehnung
interessant, sondern in ihrer wahrgenommenen. Ich hatte den Eindruck, daß das
Messen von Zeit mit Hilfe einer Maschine vom Erleben von Zeit ablenke. Mir
schien die Maschinenzeit ein schwerwiegender Irrtum, die Uhr als ein Symbol
für die Gleichschaltung und Unterwerfung des Biorhythmus des Einzelorganismus
unter industriell-kapitalistische Zielsetzungen. |
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So
entschied ich mich eine Gegebenheit, die unterschiedliche Dauer des
Ausklingens - um so höher der Ton, desto kürzer die Klingzeit - zur Grundlage
der zeitlichen Organisation zu machen. Die jeweilige ausklingende Saite
bestimmt die Gesamtdauer des Klanges und damit den zeitlichen Ablauf der
auskomponierten "Dämpfungstätigkeiten". |
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Dass
jedem Klang eine Pause - möglichst gleichen Gewichtes - folgt, ist ein
formales Konzept, dass ich seit 1995 in vielen meiner Kompositionen
angewendet habe. Jeder Klang steht für sich, ist in sich ein eigenes
"Stück" Musik, ein autonomes "Bild", Individuum, dass in
seiner Erscheinung vom Erklingen bis zum Verstummen wahrgenommen werden kann.
Die Reihenfolge der Klänge kann von den Musikern selbst gewählt werden. |
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In
"ab tasten" entdeckte ich mein Interesse für den Moment, in
dem der Klang verstummt, verklingt. Ich bemerkte, dass sich irgendwann nicht
mehr feststellen lässt, ob die Saiten noch hörbar schwingen, oder ob nur noch
das Abbild des Klanges im Gehirn existiert. Ein Klang hat einen Anfang, ein
Bestehen und ein Ende. Diese Teile sind nicht klar von einander abzugrenzen,
es ist uns unmöglich zu sagen, wo der Anfang ist, wo der Anfang in das
Bestehen, das Bestehen in das Ende übergeht, wo das Ende ist. |
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In
"three pianos drumming" von 1999, dass ich für
PianoInsideOut (Reinhold Friedl, Michael Iber, Yunkyung Lee) komponierte,
wird das Klavier dagegen als reines Schlaginstrument eingesetzt. In 3 großen
Steinway D-Flügeln des SFB wurde jeweils die gleiche Baßsaite mit Klebeband
abgeklebt und damit nachhaltig gedämpft. Durch diese Behandlung wird das
Hämmern des Klaviers deutlich hörbar gemacht. Das Klavier wird als das genutzt,
was es der Klangerzeugung nach ist - ein "Hammerwerk". |
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Beim
Hören von überlieferten Musikaufnahmen der noch existierenden Jäger- und
Sammlerkulturen, habe ich immer wieder Rhythmen gehört, die reiner Puls
waren. Diese Musiken - egal aus welcher Region der Erde - verzichten auf jede
bewußte Akzentuierung und Unterteilung der rhythmischen Einheiten. Mir schien
dies eine Urform des Rhythmus, eine Art Keimzelle jeder rhythmischer Musik,
in der die hypnotische Kraft dieser ersten von Menschen geschaffenen
Zeitgestalten fühlbar wird. |
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Ich
hatte schon in "Findling 613" Versuche mit
"Elementar-Rhythmik" angestellt. Allerdings hatte ich hier die
Pulsketten durch verschiedene Anschlagarten und Akzente gegliedert und Ketten
mit verschiedenen, stark unterschiedlichen Tempi und Lautstärken aufeinander
folgen lassen. |
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In
"three pianos drumming" bleiben die von den Ausführenden aus
einer vorgegebenen Bandbreite zu wählenden Parameter (Lautstärke, Tempo,
Tonhöhe) das ganze Stück über gleich. |
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Jede
Stimme hat eine eigene Anordnung von Schlägen und Pausen, so dass sich
zwischen den Klavieren sehr feine Räume und Mikrorhythmen ergeben. |
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An
diesem Stück und seinem Nachfolger "drumming für ein bis viele
Schlagzeuger" fasziniert mich, dass es das gleiche Stück bleibt, egal ob
pianissimo oder forte gespielt, egal welches Tempo zwischen 30 b.p.m. und 120
b.p.m., welche Seitenfolge die Spieler wählen. Verschiedene Fassungen haben
sehr verschiedene "Ausdruckswertigkeiten". Mir schien es für meine
Entwicklung sehr bedeutsam, ein Stück komponiert zu haben, dass starken
Ausdruck ermöglichte, ohne dass ich als Komponist es mit Ausdruckwert
versehen hatte. |
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Burkhard
Schlothauer |