Gedanken zu 'blasen' und ‚aus atem’
In 'aus
atem' für Bassklarinette ist der MusikerIn
sehr viel Zeit für jeden Klang gegeben. Die Ereignislängen bemessen sich am zur
Verfügung stehenden Atem. Die jedem Ton folgenden Pausen dienen der Beruhigung
des Atems und der Vorbereitung auf den nächsten Klang. Der Musiker spielt für
sich - trotz der Anwesenheit des Publikums entsteht eine intime, konzentrierte
Situation.
Diese Eventstücke sind das Ende des musikalischen Ablaufes. Es
werden ausschließlich Klänge, von einander abgegrenzt, dargeboten. Und dennoch
haben diese Stücke natürlich auch einen Verlauf, nur eben keinen besonders
interessanten, im Sinne von Gestaltgebung. Der Verlauf ergibt sich und ist im
Detail nicht Gegenstand von Wollen. Der Hörer weiß nach wenigen Minuten was ihn
im Verlauf des Stückes erwartet, immer wieder ein Klang und danach immer wieder
eine Pause.
In
vielen Stücken der wandelweiser haben diese Klänge und Pausen auch noch dazu
immer dieselben Dauern, Phasen von Klängen und Pausen und Phasen ohne Klänge,
also Phasen, die ausschließlich Pausen beinhalten - einer langen Pause (?) -
wechseln sich ab. (Beuger)
Das
Geschehen ist ein reduziertes, ein abstrahiertes, und dabei wird beim Hören und
noch mehr beim Konzertevent klar, dass natürlich
jeder Klang an sich und auch jede Stille/Pause ein Geschehen beinhaltet - die
Welt ist nicht monodisch, die Welt singt nicht nur
ein Lied, und es ist viel Stille im All, weit mehr Stille als Körper, Masse,
Energie.
Nun ich
fürchte, dass ich dies alles mit den falschen Begriffen zu sagen versuche, denn
ich bin kein Filosof und möcht
eigentlich auch keiner werden, denn dann müsste ich so viel sprechen, und Sprache
vermittelt immer den Eindruck des Wissenkönnens und
mir ist das Ahnen lieber, die Ahnung des Tönens. Ahnung hat etwas Romantisches,
man kann sie mit Sehnsucht verbinden und eigentlich wissen wir ja schon sehr
lange, dass wir nichts wissen können. Denn alles an uns ist viel zu klein, um
dies Riesenereignis, dies Riesending, dieses Riesenwerk, dies Ding mit den
vielen Leeren und dieser dennoch unerbittlichen Kontinuität, das wir irgendwo
an seinem Rand bewohnen, entsprechend zu erkennen und zu beurteilen. Diese
unerbittliche Kontinuität erscheint uns im Übrigen beinahe als Stillstand, denn
wir leben aufs Große bezogen, in einer so nanokurzen
Zeitdauer.
Man
denke sich die Zeit nicht als ein lineares Kontinuum, sondern als eine ins
Unermessliche gedehnte Dimension (Zeit schreitet nicht in Stunden, Sekunden
voran - dieser Industrialisierungshorror muss überwunden werden), solcherlei
Gedanken kann diese Musik befördern.
Denn menschliche Zeit ist weniger eine
gemessene als vielmehr eine erlebte Größe, erlebbar wird sie durch Veränderung
und die Erinnerung von Vorhergehendem.
Jeder
hat soviel Zeit, wie er hat, also genug, er hat so viel Zeit, wie er sich
nimmt, ist reine Einstellungssache. 'Nicht genug Zeit haben' müsste eher
heißen: 'kann nicht genug Konzentration aufbringen'.
Burkhard
Schlothauer (1998)