Zellulär

über eine Performance von

Antoine Beuger im Kunstbunker München - Mai 2003

 

Ein Raum, 5 auf 6 Meter in einem Bunkerturm aus meterdickem Beton, 4 Stühle an den 4 Wänden zur Raummitte hin gerichtet, viel Platz zwischen den Stühlen, ein vergeblich heizender Elektroheizkörper.


Maikühle, kein Tageslicht, unreinliche Schutzraumstimmung, glühlampig matt beleuchtet.

 

4 Stockwerke, jeweils 1 Raum abgehend vom Treppenhaus, ein kleines WC auch dort, der Boden grau, die Treppe grau, alles grau, die Wände in älterem Weiß, die pure lebensrettende Nützlichkeit, Schutz muss nicht behaglich sein, wenn draußen alles stirbt, dann muss es drinnen nicht gemütlich sein!

 

Einsame Hörer, jeder für sich, doch sichtbar und den anderen sehen könnend, die Augen oft geschlossen.

 

Der Flötenspieler im Obergeschoss spielend - dort wo niemand hin darf -, unsichtbar für die Hörer, doch überall im Bunker deutlich hörbar, lange ruhige Töne, kurze Pausen, weiche warme einsame Töne, jeder für sich, zellular, jeder in seiner Zelle, mönchisch still, der Andacht hingegeben, zärtlicher Andacht.

 

Melodie, aber so lang die Töne, dass selber Linien, Eintonmelodien.

 

Volle schöne Flötentöne, sehr gerade und doch von geringen Atemschwankungen belebt, individuiert.

 

Präsent, gegenwärtig, körperlich, kraftvoll, weich beginnend, weich endend, aber deutlich, stark.

 

Ein Kontinuum konzentrierter Ruhe, fließend, gregorianische Choräle, Meditation im Kreuzgang, Schritt für Schritt, ganz langsam und dauernd gleichen Maßes.

 

Es dauert lang und gleich und wenn es endet, dann ist das Ende plötzlich, einfach da und traurig – es ist etwas verloren, dass sich vorher um gefügt – wie ein Tod, ein Sterben. Es war und ist nicht mehr. Es begann, indem es einfach da war und endete, indem es einfach nicht mehr da war.

 

Ein Schmerz ohne Drama.

 

Der Beifall wirkte unpoetisch und zerstörend.

 

 

 

(Burkhard Schlothauer 2003)